Marienerscheinungen

Carola Ritter
Leitende Pfarrerin der Evangelischen Frauen in Mitteldeutschland

Vortrag zur Ausstellungseröffnung am 1. 8. 2020 in der Moritzkirche zu Naumburg

Nicht Lourdes oder Fatima oder Guadeloupe. Nicht die klangvollen Namen der Wallfahrtsorte, an denen spektakuläre (hoffnungsvolle) Marienerscheinungen zu Tage traten, stehen heute im Blickpunkt. In der Stadt Naumburg geht es heute um Marienerscheinungen: Eine mitteldeutsche Stadt inmitten der „protestantischen Kerngebiete“ und zugleich in einer Gegend gelegen, von der Religionssoziologen sagen, sie sei eine der säkularsten Regionen Europas. Hier und heute schauen wir auf außergewöhnliche Marienerscheinungen:
Großformatige Marienbilder erscheinen in der Moritzkirche, gemalt von Doris Baum: Bilder der Madonna in neuem Gewande. Die vertrauten Attribute der traditionellen Marienikonographie tauchen selbstredend auf, werden neu arrangiert und interpretiert. Aber vor allem ist es die Darstellung der Frau selbst, die verblüffend anders ist, als die ungezählten Bilder und Figuren, die als Andachtsbilder in Kirchenräumen oder auf öffentlichen Plätzen begegnen. Auch diese Kirche beherbergt drei ganz unterschiedliche Marienbilder: Eine mittelalterliche Holzplastik, Madonna mit dem Kinde, Maria als Schmerzensmutter unterm Kreuz und in einem barocken Bilderzyklus: Maria als einzige Frau inmitten der Propheten und Jünger.
Künstler*innen aller Zeiten und christlicher Epochen haben sich von ihr, der Vielverehrten und Vielgestaltigen, inspirieren lassen und sahen sie, als ganz irdische Mutter im dunklen Stalle oder als Himmelskönigin im goldenen Strahlenkranz, als Schutzmantelmadonna und zugleich als erschöpft Ruhende auf der Flucht vor den Häschern des Herodes. Bilder und Vorstellungen, ja Antagonismen haben sich in ihrer Person vereint und ihr Name ist noch immer der meistgegebene, meistgenannte weltweit. Dies alles wiederspiegelt zugleich die unterschiedlichen theologischen Perspektiven auf Maria: Einerseits: Die Gottesgebährerin, die schmerzensreich Mutter, die überhöhte Himmelskönigin, deren Festtag Mariä Himmelfahrt, am 15. 8., in die Zeit dieser Ausstellung fällt. Auf der anderen, der protestantischen Seite, vermeintliche Ignoranz und Bildabstinenz?
In all dem ist zu fragen: Wer ist diese Maria, als was erSCHEINT sie uns? Für die Antwort oder besser die Antworten auf diese Frage will ich Schichten gemalter und übertünchter Bildvorstellungen abtragen und – ganz protestantisch – zu den Quellen gehen, den Texten und Kontexten, wie sie zu Maria, hebräisch Miriam oder arabisch Maryam überliefert sind.
Mein Blick fällt da zunächst auf die sehr junge Frau aus Nazareth, als solche tritt sie in die biblisch überlieferte Geschichte des Lukasevangeliums. Sie ist schwanger – unverheiratet. In diese für sie existenziell schwierige Situation, tritt ein Engel und verkündigt ihr, dass sie begnadet ist und ein Kind empfangen wird, welches der Sohn des Höchsten ist. Neben dem bekannten Motiv der Verkündigungsszene des Evangelisten Lukas tritt die ebenso bekannte und vielgemalte Geschichte der Heimsuchung (Lukas 1, 39ff): Die „unehrenhaft“ Schwangere sucht Halt und Verständnis bei ihrer älteren Verwandten Elisabeth. Auch sie ist unerwartet schwanger in einem Alter, als ihre biologische Uhr bereits abgelaufen war….Um sie zu besuchen, macht sich Maria allein und zu Fuß von Nazareth nach Ein Kerem vor den Toren Jerusalems auf. Zu Fuß, das konnte ich 2015 auf einem Pilgerweg durch Israel ausprobieren, sind das gut zwei Tagesreisen durch öde, steinige Berglandschaft….
Und am Ende dieses Weges die überraschende hocherfreute Begrüßung, die Lukas so schildert: „Als Elisabeth den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kleine in ihrem Bauch: Da wurde Elisabeth vom Heiligen Geist erfüllt und rief: Willkommen bist du unter den Frauen und willkommen ist die Frucht deines Bauches“ Diese besondere Szene berührt mich nicht nur in Zeiten von Kontaktverbot und Abstandsregeln. Es ist ein Urbild des Vertrautseins und der Frauensolidarität, wie es Doris Baum im Jahre 2016 in dem Bild „Die Brücke“ gemalt hat.
Marias Antwort auf den Gruß und die freundliche Aufnahme bei Elisabeth ist ein Lobgesang, das Magnifikat nach der Bibel in gerechter Sprache.
Und Maria sprach: »Meine °Seele lobt die Lebendige, 47und mein °Geist jubelt über °Gott, die mich °rettet. 48Sie hat auf die °Erniedrigung ihrer °Sklavin geschaut. Seht, von nun an werden mich alle Generationen glücklich preisen, 49denn Großes hat die göttliche Macht an mir getan, und °heilig ist ihr Name. 50Ihr Erbarmen schenkt sie von Generation zu Generation denen, die °Ehrfurcht vor ihr haben.
Sie hat Gewaltiges bewirkt. Mit ihrem Arm hat sie die auseinander getrieben, die ihr °Herz darauf gerichtet haben, sich über andere zu erheben. 52Sie hat Mächtige von den Thronen gestürzt und °Erniedrigte erhöht, 53Hungernde hat sie mit Gutem gefüllt und Reiche leer weggeschickt. 54Sie hat sich Israels, ihres Sklavenkindes, angenommen und sich an ihre Barmherzigkeit erinnert, 55wie sie es unseren °Vorfahren zugesagt hatte, Sara und Abraham und ihren Nachkommen für °alle Zeit.«
Hier tritt Maria als wortgewaltige Prophetin auf, ganz in der Tradition und Vollmacht ihrer jüdischen Geschichte. Sie prangert die Überheblichkeit der Mächtigen, die Gier der Reichen an und beschwört die Umkehrung der Verhältnisse…eine politische Brandrede, nicht zimperlich und zündend für die, die unter dem Joch der damaligen römischen Besatzung litten. Aber es liegt auch ein spiritueller Kern, ein persönliches Bekenntnis in dem Lied: Maria, die radikal Gottvertrauende, die sich und ihre ganze „belämmerte“ Situation in GOTTES Hand legt, die Zuversicht findet in ihrem Schöpfer. Als Bild ist diese prophetische Maria, die aufrüttelnde, unbequem deklamierende wohl nie gemalt oder in Stein gemeißelt worden. Dennoch, dem wundervollen Magnificat sind musikalische Denkmäler gesetzt worden von vielen Komponierenden, eben auch unübertroffen, wie ich meine, im Magnifikat von Johann-Sebastian Bach.

Ich sehe in Maria eine Frau, die so vieles erlebt und viele Facetten – auch heutiger Lebenswirklichkeiten und Widrigkeiten eines Frauenlebens durchlebt hat: Teenager-schwangerschaft, Pachtworkfamilie, Leben an der Armutsgrenze, Migrationshintergrund nach Flucht ins Nachbarland, Festlegung auf ihre Mutterrolle und die da zu leistende Reproduktionsarbeit – ohne Rentenpunkte… Sorgen und Konflikte mit den pubertierenden Kindern, Trauer und Verlust des Sohnes. Von dieser Vielfalt und Lebensfülle künden die Marienbilder von Doris Baum. Die Größe und Anmut der Maria, ihr unbeugsames Ja zum Leben – schaut mich aus all den Gesichtern und Gesten der gemalten Frauen an, wenn sie mit Rückschlägen, Krankheiten, wie Brustkrebs oder Trisomie – umzugehen haben, wenn sie ruhen auf der Flucht oder schlicht: segnen. Dabei malt Doris Baum nicht die asexuelle und körperverneinende Figur, die demütige hingebungsvolle Seelenbraut, die ihr Theologen zu allen Zeiten zugedacht und zu der sie Maria als ein nützliches Vorbild überzeichnet haben. Die Malerin hat stattdessen ihre Marien hineingemalt in das pralle, überbordende Leben unserer Zeit, mit allen Brüchigkeiten und Zumutungen. Eines aber lese ich in allen gemalten Gesichtern und Gesten: Eine große Würde und Selbstgewissheit. Diese Marien wissen oder ahnen das Geheimnis der Gotteskindschaft, das – so glaube ich – jedem Menschen eigen ist: In jedem Menschen wohnt der Geist Gottes, die RUACH, wie der Geist im hebräischen Originaltext heißt und zugleich Atem – Lebensodem bedeutet. In dieser Würde zeigt sich der allgegenwärtige Charme des Universums – das vielgesichtige Lächeln der Schöpfung. Diese Würde in allen Menschen zu entdecken, leitet mich. Besonders hier in der Moritzkirche, die dem Heiligen Mauritius, einem schwarzen Zeugen des frühen christlichen Glaubens geweiht ist, gilt es, die Würde aller Menschen zu betrachten. In der Ausstellung entdecke ich dazu das Bild der „Tunesischen Maria“, eines orientalischen Frauenportraits, das der biblischen Maria wohl von allen am nächsten kommt.
Marias besondere Rolle fand auch im Koran ihren Niederschlag (Sure 3 und 19), Maryam wird im Islam als jungfräuliche Mutter Jesu verehrt. Sie gehört zu den besonderen Frauen, ja sie ist der Tradition nach die Beste aller Frauen und als solche wird sie verehrt. Etwa 70 Verse nehmen auf Maryam Bezug. Die koranische Wertschätzung Maryams reflektiert die im 7. Jh. im christlich-arabischen Raum weit verbreitete Verehrung Marias. Wie Jesus bleibt sie im Koran dabei menschlich, der Koran verleiht ihr den Ehrentitel siddiqa (Die Gerechte, Wahrhaftige, Sure 5,75). Und so ist das „Haus Mariens“ in der Nähe von Ephesus auch ein Wallfahrtsort für muslimische Pilger*innen.

Liebe Anwesende, liebe Doris Baum,
zum Abschluss grüße ich mit dem „Ave Maria, Ave Miriam, Ave Mariam“. Gegrüßt seid ihr Frauen, ihr Menschen, die ihr mit Gottes Lebensgeist begabt seid. Gegrüßt sei die Frucht eurer Gedanken, das Werk eurer Hände, die Regungen eures Herzens. Haltet Eure Herzen weit und offen, wie Maria es getan hat (Lukas 2,19) und bleibt empfänglich für Marienerscheinungen und andere Geistesgaben oder Eingebungen. Ich wünsche dieser Ausstellung viele begeisterte Besucher*innen!